Wallstreet-Piraten!

Rührend. Wenn man lange genug wach bleibt, erlebt man alles zweimal, manchmal sogar dreimal. 1950 zogen wir in einen ehemaligen Güterwaggon und wollten die Welt ändern: Peter Rühmkorf, Peggy Parnass, Dic Busse, meine spätere Frau Bruni und ich. Der Güterwaggon war ausgestattet mit einem kleinen Kanonenöfchen und schmalen Klapp-Betten. Eine ideale Wohnung für Studenten, die wie wir kein Geld für Studentenwohnheime oder Zimmervermieter hatten. In Hamburg-Eimsbüttel war das, Stresemannstraße 98, gegenüber von Philips-Valvo, wo jeden Tag ein paar Tausend junge Frauen Glühbirnen und Leuchtröhren montierten, die man jetzt, für das neue Geld, die DMark, überall im Land kaufen konnte und die die Trümmerlandschaften in den großen Städten wenigstens erst mal schön hell beleuchteten, aus denen sich die Menschen erhoben und unverdrossen an den großen Wiederaufbau gingen. Wirtschaftswunder. Davon hielten wir nicht viel. Wir waren Revolutionäre und planten eine Aktion gegen den Krieg, von dem wir annahmen, daß er bald kommen würde. Unsere Waffen: Kabarett und Lyrik, Theater und Kunst. Ab und zu kamen auch neue Leute in unseren Waggon, die erste deutsche Kommune, in der wir, – alles schon mal dagewesen – 17 Jahre vor Teufel und Langhans und Uschi Obermaier zusammen lebten, arbeiteten und agitierten. Ein dünner, blasser Jüngling, der kurzfristig bei uns einzog, meinte auch Lyriker zu sein. Abends tranken wir den würzigen Billigwein Cider und trugen uns gegenseitig Gedichte und Songs vor. Der junge Mann, nennen wir ihn Rolf, lebt noch und veröffentlicht immer noch Gedichte, lief eines Abends zu großer Form auf. Ich hab‘ was ganz Großes geschrieben, erklärte er uns und begann es
zu lesen: „Der Mond ist auf gegangen“. „Aber das gibt es doch schon!“ sagte Peter Rühmkorf. Schade. Aber trotzdem schön. An einem anderen Abend hatte der junge Mann aber eine noch größer Idee. „Geld“ – fing er mit einer großen Geste an, machte dann er bedeutsame Pause und dann knallte er den Satz in die Nacht „Geld – regiert die Welt!“ „Das gibt es auch schon!“ sagten wir. „Das darf nicht wahr sein“, protestierte er. Der Satz stimmte aber, fanden wir, finde ich heute noch, finden die 18-jährigen Studenten in New York und anderen großen Städten in den USA und ziehen nicht nur in die Nähe der Wallstreet, sondern machen auch vor den Privat-Villen der Multimillionäre Rabatz, mit schönen Knüppelversen, die auch ein begabter junger Mann nachts gedichtet haben wird. Hey, there, millionaire, pay your fair share! (Etwa: Hey, hey, Millionär, gib uns uns’ren Anteil her! Fair!). Das darf doch nicht wahr sein, daß in einem so schönen und aufgeklärten Land wie den USA die gut ausgebildeten, mit dem Computer schon in der Wiege vertrauten Kinder erst jetzt gemerkt haben, daß die Banken an allem schuld sind? Und der Kapitalismus, wie meine Kinder schon im Jahr 1967 lernten und mit Fingerfarben auf Transparente pinseln mußten: „Papitalismus muß putt.“ Ein junger Amerikaner hatte die große Idee: Die Reichen kriegen alles, und wir, die 99 %, leben wie Hund. Geld regiert die Welt. Dagegen wehren wir uns. Das geht heute ganz einfach per Internet: Kommt alle zum  Zuccotti-Park in der Nähe der New Yorker Börse. Schlagwort „Besetzt Wallstreet!“ Versucht, aus diesem Park eine Art zweiten Tahrir-Platz werden zu lassen wie in Kairo. Und sie kamen und blieben.
Mubarak stürzte. Nur, welchen Diktator will man in den USA stürzen? Obama doch nicht, der freut sich klammheimlich, daß neben der Massenbewegung der „Tea Party“ endlich ein Häuflein auf seiner Seite aktiv wird. Er läßt sie zwar von der Polizei vom Gelände abräumen, macht aber kein Hehl daraus, daß sein Herz mit dabei ist, wenn sie, wie letzte Woche vor die Häuser der Superreichen der Stadt ziehen und rufen „Wir sind die 99 % (Armen)!“ Wacht auf, Verdammte dieser Erde. Bald werden alle Verdammten dieser Erde restlos vernetzt sein, aber der Kapitalismus ist immer noch ein bißchen mehr vernetzt, und die Gier der Spekulanten ist so unstillbar wie Hunger.  Weil das gute Geld und das gute Leben eben nur möglich sind, wenn
irgendwo in irgendeiner Ecke der Welt jemand arbeitet und ein anderer das Geld kassiert und eben niemand freiwillig und gar fair was von seinem Kuchen abgibt, so daß immer weiter das Geld die Welt regiert. Das schrieb schon Marx und rief zum Kommunismus auf, von dem schon Bertolt Brecht wußte: „Er ist das Einfache, das schwer zu machen ist.“Auf deutsch gesagt: Gar nicht. Aber die Idee wird wohl in jeder Generation noch einmal einmal neu erfunden werden. Und auch die Aktionen gegen die Banken am letzten Wochenende. Denn auch der Kampf gegen das Unrecht und die Ungerechtigkeit in der Welt macht Spaß, und wenn die Polizei kommt, schießt mächtig Adrenalin ins Blut, und man lernt eine Menge netter Leute kennen.
Wie bei den deutschen Piraten. Wenn man die gegen Lafontaine, Gysi und seine verbiesterten und zerstrittenen Genossen oder gar gegen die immer bierernster werdenden Grünen hält, von den etablierten Alt- Parteien mal abgesehen, fällt als erstes auf, daß sie alle jung, Deutsche und Männer sind, die eine unerbittlich gute Laune ausstrahlen und keine Ängste vor dem Zeitgeist haben. Wie? Da sind zu wenig Frauen im Vorstand? Das Problem steht doch gar nicht – wir sind doch post-Gender! Fabelhaft. Post-Multi-Kulti, post-politisch korrekt. Und nun
der nächste Vorwurf. Da sind ehemalige NPD-Leute in der Partei? Na klar, sagen die Gutgelaunten, das ist unser Aussteige-Programm. Das kann es ja wirklich werden, post-Antifa. Ganz sicherlich post-kommunistisch. Um das Rad der Geschichte nochmal neu zu erfinden, sind die gutgelaunten Internet-Surfer zu klug. Das unterscheidet sie von den Wallstreet-Piraten, die im Endeffekt nur eine Unterstützer-Funktion für Obamas Wahlkampf haben werden und vielleicht auch sollen.
Unsere Piraten dagegen könnten eine positive Rolle in der deutschen Politik spielen – schon bei ihrem ersten Auftreten in Berlin haben sie schon mal die Grünen wieder auf Normalmaß zurückgestutzt und immerhin die Mitregierung der CDU ermöglicht, und für die Rest-FDP gilt ganz sicher, von den Piraten lernen, heißt siegen lernen. Ist die Not am größten, ist das Umdenken am nächsten. Wohin? Mein Rat an die Parteibasis steht, sich wieder auf die Wurzeln der FDP zu besinnen und gelegentlich mal über die Alpen zu den Schwesterparteien (die
Schweizer SVP und die FPÖ) rüberzuschauen, die dort die zweit- oder drittstärkste Partei im Land sind. Wenn der Trend, der sich in der Anzahl der Stimmen für eine Mitgliederbefragung zum Euro ausdrückt,  nicht täuscht, könnte auch da auch eine qualitative Änderung der Basis eintreten. Und wenn die der panikartig eingeführte Energie-Wende juristsich und vor allem finanziell immer mehr als Amoklauf sichtbar wird, fällt auch die CSU schnell wieder um in die richtige Richtung, denn auch sie hat eine kluge, also konservative Basis im Bayernland.
Wohin man schaut in der politischen Landschaft – es bewegt sich was.

Zum Besseren. Merkels Pläne für eine „Nation Europa“ (Arbeitstitel Wirtschafts-Regierung) erledigen sich bald durch katastrophale Weiterentwicklung der aus den USA gelenkten Spekulation gegen den Euro und die dadurch ausgelöste Bankenkrise.

Kurze Vorhersage bis 2013: Merkel wird gehen – natürlich hochbezahlt – nach Brüssel.
Und nach ihr wird kommen – was Nennenswertes.

Also: Denk ich an Deutschland in der Nacht – dreh ich mich um und schlaf weiter bis acht. (Walser).

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